Die große Flatter, Leonie Ossowski
Eine Obdachlosensiedlung, kleine Wohnungen, meist nur 2 Zimmer mit Wohnküche, das ist das zu Hause von Jochen Schock, genannt Schocker.
Seine Mutter hat wieder geheiratet, Herrn Warga. Ein stolzer Mann, denn er arbeitet und versorgt seine Familie. Zu sechs Kindern schlafen
sie in einem kleinen Zimmer, nur eine hat ein eigenes Bett. Schocker ist das einzige Kind das nicht von Herrn Warga ist.
Und das bekommt er immer zu spüren. Immer hofft er das seine Mutter für ihn einspringt, vergebens. Die Stimmung wird noch schlimmer,
als Herr Warga einen Unfall hat und ihm beide Beine von einer Straßenbahn regelrecht abgeschnitten werden. Von nun an sitzt er im Rollstuhl.
Eine kurze Verschnaufpause für Schocker ist die Zeit in der sein Stiefvater im Krankenhaus liegt. Da übernimmt er stolz die Vaterrolle.
Belächelt von Richy Piesch, der für sowas nur Häme und Spott übrig hat. Schocker geht regelmäßig zur Schule, trägt einigermaßen vernünftige Kleidung
und möchte mal Fernfahrer werden. Ganz anders ist da Richy. Immer Jeans und Lederjacke und auch sonst der Großkotz in Person.
Die beiden sind keine Freunde, bei weitem nicht. Als Richy es übertreibt bekommt er eine in die Fresse von Schocker, das er einen Zahn verliert.
Von da an hat er Respekt und die beiden freunden sich langsam an. Das missfällt Schockers Eltern und auch Elli, die heimlich in Schocker verliebt ist.
Die beiden stellen allerhand an bis Schocker mit Elli zusammenkommt. Sie rät ihm, sich von Richy fernzuhalten, denn er zieht ihn nur runter.
Elli hat eine liebe Mutter, die Schocker so nimmt wie er ist, er darf dort mit essen, sie besorgt ihm eine Arbeit mit Aussicht auf Lehrstelle!
Und das in der Siedlung! Leider bekommt er die Stelle nicht, möchte aber die Grüns ( Ellis Familie ) nicht enttäuschen und begibt sich in eine
Lügenspirale aus der er nicht mehr rauskommt. Wieder einmal trifft er auf Richy und ein als kleiner Raub geplantes Ding endet in einem Totschlag.
Beide kommen in den Knast und das nur, weil Elli sich eine Uhr gewünscht hat.
Der Roman ist klasse geschrieben, ein wenig anders wie die Serie aber im großen und ganzen hat man die Gesichter beim lesen im Kopf.
Solche Siedlungen gab es oder gibt es ja immer noch. Man sagt, falsche Adressen und schon, kaum eine Chance. Dazu passend einen kleinen Abschnitt
aus dem Buch: "Denen traut niemand, die sind unzuverlässig, arbeitsscheu, stehlen und feiern krank, wo und wann sie nur können. Mit Jugendlichen aus
der Siedlung ist es für jede Firma besser, keine Lehrverträge abzuschließen oder ihnen Arbeit zu geben." Und genau so wurden sie behandelt.
Noch ein Satz der hängen bleibt:" Wenn die Wargas Schocker weiter so behandeln als wäre er ein Verbrecher, dann wird er auch einer."
Das sagte Elli im Gespräch mit ihrer Mutter. Und sie sollte Recht behalten, wenn auch aus anderen Gründen. In diesen Siedlungen herrscht Arbeitslosigkeit,
Aggression, Kriminalisierung, Alkoholismus. Die Menschen haben mit Vorurteilen zu kämpfen und den Kindern fehlt es oft an Liebe, Wärme und Rückhalt.
Die Ämter sind meist überfordert und froh wenn sie mit solchen Menschen nichts zu tun haben.
Vielleicht sehe ich das ja falsch, das Buch ist von 1977 und vielleicht hat sich ja was getan. Die Wohnungen sind sicher schöner, etwas größer,
moderner und die Menschen sind eventuell gut gekleidet. Die Vorurteile sind aber, denke ich, immer noch da. Oder?
Mein Buch erschien bei Fischer als Taschenbuch mit der ISBN: 3596224748
Die Frage Buch oder Serie? Hmmmmm, beides! Mit vollem Herzen empfehle ich beides!